Der Harfenspieler in Friesland
Ich fahre immer wieder mal für ein paar Tage an die Nordsee. Ich nehme mein Birdy, das kann ich zusammenfalten und damit ohne Reservierung im IC und ICE spontan mitnehmen. Wenn ich geschickt meine Reisetage auswähle kostet mich das pro Strecke oft nicht einmal 20 EUR mit dem Supersparpreis. Und ist fast CO2-frei. In 7 Stunden bin ich von Karlsruhe in Norddeich-Mole. Das voll tourentaugliche Birdy auseinandergefaltet und schon können erholsame Radtouren im Nordseeklima losgehen.
Inzwischen bin ich jedesmal gespannt. Entdecke ich ihn, schweben seine Harfenklänge irgendwo an mein Ohr? Auf dem Deich, in der Fußgängerzone in Norden, in Dornum am Wasserschloss, aber auch in der Künstlerkolonie Dangast am Jadebusen, überall da können unvermittelt irische Harfenklänge überraschen.
Im August liess ich mir Zeit, watete durchs Watt, liess meinen Blick zu den Inseln auf der anderen Seite des Watts schweifen, lauschte dem Harfenspieler, der auf der Deichkrone saß und der Klang seiner keltischen Harfe war je nach Wind weithin hörbar. Es wurde Abend, die Sonne ging unter, er spielte immer noch, die Harfenklänge untermalten den verschwindenden Tag. Ich unterhielt mich dabei mit ihm dabei. Kein Problem für ihn. Er erzählte von der Freiheit und den Widrigkeiten des Lebens.
Einige Tage später kam ich durch Norden und hörte wieder diese Klänge. Wieder spielte er. Wir unterhielten uns, es waren tiefschürfende, auch kontroverse Themen, Standpunkte und Schlussfolgerungen, über die man geteilter Meinung sein konnte, je nachdem, was man als Hintergrund und/ oder Sichtweise nimmt. Aber parallel zu allem verstummte seine Harfe mit den betörenden Melodien nicht. Ich hatte es ja nicht eilig.
Wenn ich jetzt zu Hause immer mal wieder seine CD's auflege, bin ich an die Nordsee versetzt. Oben auf dem Deich in Norddeich spielte er oft noch lange, nachdem die Sonne untergegangen ist. Oder am Rande von Festen wie dem Wikingerfest in Norddeich oder beim Mittelalterlichen Ritterfest am Wasserschloss Dornum. Wenn ich mit dem Rad dort in der Gegend unterwegs bin und die Harfenklänge schweben durch die Luft, wenn ich den Harfenspieler entdecke, dann halte ich an, lausche und unterhalte mich mit ihm.
An einem Abend unterhielt ich mich mit einer Frau, die ihm auch zugehört hatte. Sie erzählte mir, dass es immer wieder vorkommt, dass er nicht spielen kann, weil es gewissen Leuten nicht passt. Sie bat mich, doch einen Leserbrief in der örtlichen Zeitung zu schreiben, zu schildern, wie die Kurverwaltung dem Harfenspieler das Leben schwer macht, weil sie meinte, es passt nicht zum Image des Ortes.
Wer er ist, woher er kommt, weiß ich nicht. Patrick der Helle Barde nennt er sich. Er ist ein wandernder Harfenspieler wie es in Irland immer Tradition war. Aber von dort ist er nicht. Im Internet findet man Videos, seine CD's, mehr aber auch nicht.
Die Zeiten ändern sich, der Küstenbereich mit Deich, Strand wurde um 2020 völlig für die vor uns liegenden Zeiten ertüchtigt. Auch die Corona-Pandemie hat Veränderungen gebracht.